4.2.7 Ausschlusskriterium Grundwasseralter

Das Ausschlusskriterium Grundwasseralter ist in § 22 Abs. 2 Nr. 6 StandAG festgelegt und besagt, dass ein Gebiet nicht als Endlagerstandort geeignet ist, wenn in Gebirgsbereichen, die als ewG oder Einlagerungsbereich in Betracht kommen, junge Grundwässer nachgewiesen wurden.

Bei Grundwasser handelt es sich um Wasser, welches durch Versickerungs/Versinkungsprozesse in den Untergrund gelangt, dort Gesteinshohlräume geschlossen ausfüllt und sich maßgeblich aufgrund der Schwerkraft bewegt (Murawski & Meyer 2010). Gemäß dem Gesetz zur Ordnung des Wasserhaushalts(Wasserhaushaltsgesetz - WHG), ist Grundwasser definiert als unterirdisches Wasser in der Sättigungszone, welches unmittelbar mit dem Boden oder dem Untergrund in Berührung steht (§ 3 Nr. 3 WHG). Im Ergebnis stellt somit prinzipiell sämtliches Wasser in endlagerrelevanten Tiefenbereichen Grundwasser dar.

Das Ausschlusskriterium „Grundwasseralter“ geht auf die Arbeiten des Arbeitskreises Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AkEnd 2002) sowie der Endlagerkommission (K-Drs. 268) zurück, nach denen das Auftreten junger Grundwässer in endlagerrelevanten Tiefenbereichen auf eine Teilnahme des angetroffenen Grundwassers am aktiven hydrologischen Kreislauf und damit auf einen unmittelbaren Austausch mit der Erdoberfläche und somit der Biosphäre hindeutet. Grundwasser kann prinzipiell ein sehr hohes Alter (größer als Jahrtausende) aufweisen (Appelo & Postma 2005; Hölting & Coldewey 2019; Neukum et al. 2020), wobei „Grundwasseralter“ als Zeitraum seit der Grundwasserneubildung verstanden werden kann. Im Standortauswahlgesetz selbst findet sich keine Definition für den Begriff „junge Grundwässer“. Hinweise liefert dagegen die Begründung zum Gesetzentwurf (BT‑Drs. 18/11398, S. 69), aus der hervorgeht, dass als Bewertungsgrundlage für das Ausschlusskriterium Grundwasseralter die Konzentration der radioaktiven Isotope Tritium (3H) und Kohlenstoff14 (14C) im Grundwasser herangezogen werden kann. Beide Isotope entstehen grundsätzlich auf natürlichem Weg durch kosmische Strahlung in der Erdatmosphäre. Zusätzlich wurden signifikante Mengen an Tritium und Kohlenstoff14 auch durch Kernwaffenversuche in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts freigesetzt. Das Ausschlusskriterium „Grundwasseralter“ kann so interpretiert werden, dass die reine Anwesenheit von Tritium bzw. Kohlenstoff14 im Grundwasser zum Ausschluss führt (AkEnd 2002).

In Folge der Datenabfragen vom August 2017 und Februar 2018 wurden der BGE sowohl Meldungen über das Nichtvorhandensein von Daten („Fehlanzeigen“) als auch eine Reihe von Daten und Zusatzinformationen für die Anwendung des Ausschlusskriteriums zur Verfügung gestellt. Hierbei handelte es sich vor allem um einzelne Messpunkte für 3H und/oder 14C mit Angaben zu deren räumlicher Lage, Messergebnissen und ggf. weiteren Informationen.

Das Ausschlusskriterium Grundwasseralter bezieht sich gemäß § 22 Abs. 2 Nr. 6 StandAG direkt auf den ewG oder Einlagerungsbereich. Da zu deren räumlicher Ausdehnung zum Zeitpunkt der Anwendung des Ausschlusskriteriums noch keine Informationen vorlagen, ist ein großräumiger Ausschluss von Gebieten auf Basis des Ausschlusskriteriums nicht zielführend. Daher erfolgt im Rahmen der Ermittlung von Teilgebieten gemäß § 13 StandAG in Bezug auf das Ausschlusskriterium Grundwasseralter lediglich eine punktuelle Ermittlung ausgeschlossener Gebiete basierend auf den zur Verfügung gestellten Messpunkten mit Angaben zu 3H und/oder 14CGehalten. Dabei führt der Nachweis von 3H und/oder 14C im Grundwasser zum Ausschluss. Bei Probeentnahmestellen für Grundwasser im Tiefenbereich von 300 Meter unterhalb der Geländeoberkante handelt es sich generell um Bohrungen oder Bergwerke. Diese Bereiche werden damit bereits durch das Ausschlusskriterium „Einflüsse aus gegenwärtiger oder früherer bergbaulicher Tätigkeit“ (§ 22 Abs. 2 Nr. 3 StandAG) ausgeschlossen. Aufgrund der punktuellen Anwendungsmethode erfolgt daher bei der Anwendung des Ausschlusskriteriums Grundwasseralter zum jetzigen Zeitpunkt kein zusätzlicher Ausschluss. Alle zu einem Ausschluss führenden Datenpunkte konnten mit Bohrungen korreliert werden.

Im Ergebnis der Anwendung des Ausschlusskriteriums Grundwasseralter wurden im Rahmen von § 13 StandAG deutschlandweit insgesamt 58 Datenpunkte und 96 Linien, welche sich durch die Angabe eines Probeentnahmebereichs bedingen, ermittelt. Die Ergebnisse sind in Abbildung 23 dargestellt. Datenpunkte und Linien, die die ausgeschlossenen Gebiete bilden, befinden sich in Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Sachsen, Bayern und dem Saarland. Bedingt durch z. T. mehrere Messungen mit Nachweis von 3H und/oder 14C an ein und derselben Lokation und in der gleichen Tiefe, ergaben sich vereinzelt auch mehrere, übereinanderliegende Datenpunkte und Linien.

Abbildung 23 Übersichtskarte der ermittelten ausgeschlossenen Gebiete im Zuge der Anwendung des Ausschlusskriteriums Grundwasseralter in Phase I des Standortauswahlverfahrens.

Es wurden insgesamt 58 Datenpunkte (grau) und 96 Linien (blau) identifiziert, die die ausgeschlossenen Gebiete bilden. Linien bedingen sich durch die Angabe eines Probeentnahmebereiches. Es wird darauf hingewiesen, dass die Darstellung der ausgeschlossenen Gebiete in dieser Karte nicht maßstabsgerecht ist, um eine Visualisierung in dem verwendeten Kartenformat zu ermöglichen.