4.4.2 Anwendungsmethode

Für die Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien sind wie bereits in Kapitel 4.4.1  beschrieben, detaillierte gebietsspezifische Informationen notwendig. Zum jetzigen Stand des Standortauswahlverfahrens liegen solche gebietsspezifischen Informationen nicht vollständig vor, weshalb zur Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien im Rahmen von § 13 StandAG Referenzdatensätze (BGE 2020b) durch die BGE erstellt wurden. Diese Referenzdatensätze enthalten wirtsgesteinsspezifische Zusammenstellungen von Literaturwerten der für die Bewertung der Indikatoren benötigten Eigenschaften und ermöglichen eine Bewertung der jeweiligen Kriterien und Indikatoren der entsprechenden Anlagen (zu § 24) StandAG (vgl. Tabelle 5).

Das Vorgehen im Zuge der Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien ist in Abbildung 34 schematisch dargestellt. Demnach erfolgt für jedes identifizierte Gebiet:

1) eine Bewertung der Indikatoren anhand der Wertungsgruppen nach den Kriterien/Anlagen 1 bis 11 (zu § 24) StandAG (vgl. Kapitel 4.4.3)

2) eine Bewertung der Kriterien der Anlagen 1 bis 11 (zu § 24) StandAG auf Basis der Indikatorenbewertungen (vgl. Kapitel 4.4.3)

3) eine zusammenfassende Bewertung für jedes identifizierte Gebiet (vgl. Kapitel 4.4.4) und Ermittlung der Ergebnisse der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien (vgl. Kapitel 4.4.4)

Auf Grundlage der zusammenfassenden Bewertung für jedes identifizierte Gebiet werden jene als ermittelte Teilgebiete ausgewiesen, welche eine günstige geologische Gesamtsituation für die Endlagerung radioaktiver Abfälle erwarten lassen.

Abbildung 34: Vorgehensweise in der Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien (§ 24 StandAG) für die Ermittlung der Teilgebiete auf Grundlage der identifizierten Gebiete (§ 13 StandAG)

Die Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien, oder anders gesagt, der Bewertungsvorgang jedes identifizierten Gebietes erfolgt mit Hilfe des eigens dafür entwickelten Bewertungsmoduls. Dieses Bewertungsmodul unterstützt die Fachexperten*innen der BGE interaktiv und führt sie durch den Bewertungsprozess. Mit der Arbeitshilfe (BGE 2020a) wird den Fachexperten*innen der BGE die genaue Handhabung des Bewertungsmoduls und der Bewertungsvorgang zu jedem Indikator, jedem Kriterium und der zusammenfassenden Bewertung detailliert erläutert. Mit dem Bewertungsmodul und der Arbeitshilfe (BGE 2020a) wird gewährleistet, dass der Bewertungsvorgang der identifizierten Gebiete nach demselben Schema und mit gleichem Bewertungsmaßstab erfolgt, wodurch die Objektivität verbessert und eine bestmögliche Vergleichbarkeit der Ergebnisse erreicht wird. Des Weiteren ermöglicht das Bewertungsmodul eine umfassende Dokumentation der einzelnen Bewertungsschritte und trägt dadurch aktiv zum Transparenzgedanken des Standortauswahlverfahrens gemäß § 1 Abs. 2 S. 1 StandAG bei.

Es erfolgt keine Klassifizierung innerhalb der identifizierten Gebiete in „günstige“, „weniger günstige“ oder „ungünstige“ Bereiche. Jedes identifizierte Gebiet wurde durch die geowissenschaftlichen Abwägungskriterien im Ganzen bewertet.

Die Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien im Zuge der Ermittlung von Teilgebieten gemäß § 13 StandAG folgt dabei folgenden Anwendungsprinzipien:

  • Für eine einheitliche Vorgehensweise bei der Bewertung erfolgt diese für eine bestimmte Anzahl von Indikatoren jeweils für sämtliche identifizierten Gebiete eines Wirtsgesteins durch denselben bzw. dieselbe Fachexperten*in der BGE.
  • Als Bewertungsgrundlage für die identifizierten Gebiete dienen die von den zuständigen Behörden des Bundes und der Länder auf Grundlage von § 12 Abs. 3 StandAG zur Verfügung gestellten geowissenschaftliche Daten, von der BGE prozessierte Daten, auf Literatur basierende Referenzdatensätze sowie Literatur.
  • Gemäß § 24 Abs. 1 S. 2 StandAG ergibt sich die günstige geologische Gesamtsituation aus einer Abwägung der Ergebnisse zu allen geowissenschaftlichen Abwägungskriterien. Damit ist im derzeitigen Verfahrensschritt mit wirtsgesteinsspezifischen Referenzdatensätzen[1] (BGE 2020b) zu arbeiten, dort wo gebietsspezifische Daten fehlen. Die Referenzdaten werden so gewählt, dass sie im oberen Bereich[2] der physikalisch möglichen Bandbreite des Wirtsgesteins liegen. Mit oberer Bereich ist gemeint, dass bekannte sehr günstige Eigenschaften für das jeweilige Wirtsgestein zugrunde gelegt werden. Auf diese Weise wird gewährleistet, dass eine in der Phase I Schritt 1 des Standortauswahlverfahrens erfolgte Bewertung sich durch einen Informationsgewinn in späteren Phasen nicht verbessert, sondern nur beibehalten wird oder schlechter werden kann.
  • Sämtliche getroffenen Bewertungen werden verbalargumentativ begründet. Diese Begründung muss alle verwendeten Quellen enthalten.
  • Für die Indikatoren der Anlagen 5, 8 und 10 sowie teilweise Anlage 9 (zu § 24) StandAG existiert im StandAG nur die Wertungsgruppe „günstig“. Diese Indikatoren werden mit den Wertungsgruppen „günstig“ oder „nicht günstig“ bewertet[3].
  • Die Wertungsgruppe „ungünstig“ des StandAG wird als solche bei der Bewertung ausgewiesen, im Zuge der Bewertung der Kriterien jedoch mit der Wertungsgruppe „weniger günstig“ gleichgesetzt.
  • Die Indikatoren der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien beziehen sich zumeist auf den ewG oder den Einlagerungsbereich. Die räumliche Ausdehnung des ewG wird erst mittels Modellrechnungen im Zuge der vorläufigen Sicherheitsuntersuchungen und als Ergebnis der Erkundungen abgeleitet werden. Bis zur Festlegung des ewG bzw. des Einlagerungsbereichs wird daher ein Gebirgsbereich bewertet, der diese aufnehmen könnte. Dementsprechend erfolgt zum jetzigen Zeitpunkt im Verfahren die Bewertung der Indikatoren für die identifizierten Gebiete anhand der jeweiligen endlagerrelevanten Gesteinsabfolge oder -formation, welche im Rahmen der Anwendung der Mindestanforderungen ausgewiesen wird.

Im weiteren Verlauf des Standortauswahlverfahrens erfolgt die Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien grundsätzlich nach den gleichen Prinzipien. Allerdings wird sich mit zunehmenden gebietsspezifischen Erkenntnissen die Datengrundlage mit Blick auf die Quantität und Qualität verbessern und damit die Anzahl der gebietsspezifisch bewertbaren Kriterien bzw. Anlagen (zu § 24) StandAG ansteigen. Auch die Anwendungsmethode der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien selbst kann sich in Anlehnung des Verfahrensfortschritts und im Sinne eines lernenden Verfahrens weiterentwickeln.