4.3.2 Anwendungsmethode der Mindestanforderungen

Vor Anwendung der Mindestanforderungen gemäß § 23 StandAG erfolgt die Ermittlung und Inventarisierung von Gesteinsformationen, die aus den endlagerrelevanten Gesteinstypen Tongestein, Tonstein (vgl. Kapitel 4.1.2), Steinsalz (vgl. Kapitel 4.1.3) und kristallines Wirtsgestein (vgl. Kapitel 4.1.4) bestehen. Dies geschieht auf Grundlage der von den Bundes- und Landesbehörden zur Verfügung zu stellenden Daten sowie weiteren öffentlich zugänglichen Informationen (vgl. Kapitel 4.3.1).

Abbildung 26: Schematische Darstellung zum Daten- und Wissenseingang zur Ermittlung von identifizierten Gebieten

Mit Hilfe von Fachliteratur und Standardwerken werden alle stratigraphischen Einheiten sowie kristalline Petrographien und Stratigraphien auf endlagerrelevante Gesteinseinheiten überprüft (vgl. Abbildung 26). So konnten in verschiedenen Regionen stratigraphische Einheiten festgestellt werden, die in den nachfolgenden Arbeitsschritten auf die Erfüllung der Mindestanforderungen nach § 23 Abs. 5 Nr. 1 bis 5 StandAG untersucht wurden.

Gemäß § 23 Abs. 2 StandAG müssen alle Mindestanforderungen erfüllt sein. Um jedoch der Datenlage und Datenverfügbarkeit in der derzeitigen frühen Phase des Standortauswahlverfahrens Rechnung zu tragen, erlaubt das StandAG mit § 23 Abs. 3, dass eine Mindestanforderung auch vorläufig als erfüllt gilt, wenn die vorhandene Datenlage dies erwarten lässt. Wenn dementsprechend wenig bis keine Daten in einem Gebiet für die Prüfung einzelner oder aller Mindestanforderungen vorliegen und die allgemein anerkannten Kenntnisse über die Gesteinseigenschaften nicht gegen die Erfüllung dieser Mindestanforderungen sprechen, werden diese ebenfalls als identifizierte Gebiete ausgewiesen.

Abbildung 27: Schematische Darstellung zur Prüfung der Mindestanforderungen mit Blick auf die Mächtigkeit, laterale Erstreckung und Tiefenlage potentieller Wirtsgesteine

Bei der Anwendung der Mindestanforderungen wurden die generischen Endlagerkonzepte aus BGE (2020am) berücksichtigt. Informationen für die Identifizierung und Ausweisung endlagerrelevanter Gesteinskörper/‑abfolgen sowie deren Verbreitung lassen sich aus verschiedenen Informationen gewinnen. Hierzu zählen insbesondere Bohrdaten (Schichtenverzeichnisse, Bohrlochmessungen), geologische und sonstige thematische Karten, geologische Profilschnitte, geologische 3D‑Modelle sowie Erläuterungen und Beschreibungen aus Fachliteratur. Um diese Daten gezielt nutzen zu können, wurde zunächst die Stratigraphische Tabelle von Deutschland (STD) (Deutsche Stratigraphische Kommission 2016) zur Auswertung herangezogen. Sie vereint stratigraphische (erdgeschichtliche, zeitliche) Informationen, mit regionalen und lithologischen (gesteinsspezifischen) Informationen. Die STD verschafft einen Überblick, was in welcher Region in Deutschland zu welcher Zeit abgelagert wurde bzw. welche erdgeschichtlich wichtigen Ereignisse wann und wo stattgefunden haben. 

Die Auswertung der STD verfolgt daher den Zweck, zu untersuchen, welche der verschiedenen regionalen stratigraphischen Einheiten in Abhängigkeit ihrer dominierenden Hauptbestandteile eine Gesteinsabfolge mit den endlagerrelevanten Gesteinstypen enthält und wo sie in Deutschland vorkommen. Zusätzlich werden Informationen zur Lithologie und Mächtigkeit sowie weiterer relevanter bzw. verfügbarer Eigenschaften insbesondere aus publizierten Regionalwerken der Länder sowie Standardwerken der Deutschen Stratigraphischen Kommission (DSK) und Subkommissionen erfasst. Daraus resultiert eine Zusammenstellung aller stratigraphischer Einheiten, die eine für die Zwecke der Prüfung der Mindestanforderungen endlagerrelevante Gesteinsabfolge mit den entsprechenden Gesteinstypen erwarten lässt. Die Ergebnisse aus dieser Auswertung wurden in sogenannten Inventarisierungstabellen (BGE 2020l, Teil 4, Anhang 1) festgehalten.

Anhand der Inventarisierungstabellen (BGE 2020l, Teil 4, Anhang 1) werden die Tongesteinsvorkommen, die Steinsalzvorkommen- und kristallinen Gesteinsvorkommen hinsichtlich ihrer Eignung als endlagerrelevante Gesteinsformation für das weitere Standortauswahlverfahren eingegrenzt. Diese Eingrenzung erfolgt auf Grundlage der lithologischen und petrographischen Beschreibungen. Maßstab für die Eingrenzung sind insbesondere die Gebirgsdurchlässigkeit und weitere Eigenschaften, die im Zusammenhang mit der Aufgabe als ewG oder Wirtsgestein stehen. Sofern Kenntnisse zum Erhalt der Barrierewirkung vorliegen, werden diese hierbei ebenfalls berücksichtigt. Liegen in den jeweiligen Verbreitungsgebieten keine Kenntnisse vor bzw. liegen keine Kenntnisse vor, die den Erhalt der Barrierewirkung zweifelhaft erscheinen lassen, wird die Mindestanforderung § 23 Abs. 5 Nr. 5 StandAG entsprechend der Vorgaben des § 23 Abs. 3 StandAG in diesem Schritt des Standortauswahlverfahrens zunächst als erfüllt angesehen. Die nachfolgende Tabelle 2 stellt eine Übersicht der potentiell geeigneten endlagerrelevanten Gesteinsformationen aus den Inventarisierungstabellen (BGE 2020l, Teil 4, Anhang 1).

Tabelle 2: Übersicht potentiell geeigneter endlagerrelevanter Gesteinsformationen

Gesteinsformation Petrographie
(dominierender Hauptbestandteil)
Steinsalzabfolgen
(flach-/steillagernd)
Steinsalz
Halit
Halitit
Bändersalz
Fasersalz (primär)
Ton(ge)steinsabfolgen Ton/Tonstein
Ton/Tonstein mit sehr geringen Einschaltungen
Ton/Tonstein, schluffig bzw. sandig oder karbonatisch
Mergeltonstein, mergelige Tone
Salzton
Tonmergelstein
Kristalline Gesteine Plutonite und hochgradig metamorphe Gesteine, wie z. B. Granit, Gneis, Migmatit, Pegmatit, metamorpher Quarzit

Tabelle 2:    Übersicht potentiell geeigneter endlagerrelevanter Gesteinsformationen

 

Hinsichtlich der Mindestanforderung „Mächtigkeit des einschlusswirksamen Gebirgsbereichs“ gemäß § 23 Abs. 5 Nr. 2 StandAG wurden die endlagerrelevanten stratigraphischen Einheiten bzw. die darin enthaltenden potentiell relevanten Gesteinsabfolgen auf Grundlage der zur Verfügung stehenden Daten und Werte aus Fachliteratur ebenfalls bewertet und hinsichtlich ihrer Eignung eingeordnet.

Einheiten oder Gesteinsabfolgen, die endlagerelevante Gesteinstypen enthalten, deren Mächtigkeit aber aufgrund von Datenrecherchen und allgemein anerkannter Erkenntnisse deutlich geringer als 100 m sind, werden nicht weiter betrachtet.

Eine stratigraphische Einheit oder ein konkreter Bereich (Gesteinsabfolge) einer stratigraphischen Einheit wird nur dann als endlagerrelevanter Gesteinstyp ausgewiesen, wenn dieser hinsichtlich der Gebirgsdurchlässigkeit und der Kenntnislage zum Erhalt der Barrierewirkung die Erfüllung der Mindestanforderungen erwarten lässt und keine deutlichen Hinweise auf eine zu geringe Mächtigkeit vorliegen (vgl. Abbildung 28). Die farbliche Eignungscodierung in den Inventarisierungstabellen (BGE 2020l, Teil 4, Anhang 1) gibt dies mit der Bewertung „potentiell geeignet“ an. Die Gesteinsabfolgen in den Inventarisierungstabellen (BGE 2020l, Teil 4, Anhang 1) zum Tongestein und Steinsalz mit der Bewertung „Eignung fraglich“ werden lediglich dokumentiert.

Abbildung 28: Zusammenfassende Darstellung der Vorgehensweise zur Ausweisung endlagerrelevanter Gesteinstypen und ‑abfolgen

Die Informationen über stratigraphische Einheiten basieren auf regionalspezifischen Publikationen und weisen deutliche Unterschiede im Detailgrad der lithologischen Beschreibung auf.

Die geologischen 3D‑Modelle der Bundes- und Landesbehörden und die verfügbaren thematischen Kartenwerke erreichen in der Regel nicht die stratigraphische Detailtiefe, wie die aus der Stratigraphischen Tabelle Deutschlands ableitbaren Informationen zu endlagerrelevanten Gesteinsabfolgen. Das bedeutet, dass beispielweise in einem 3D‑Modell als feinste Gliederung Keuper angegeben ist, während in der Stratigraphischen Tabelle Deutschlands der Keuper noch deutlich untergliedert ist und endlagerrelevante Gesteinsabfolgen detaillierter eingrenzt. Für die Bearbeitung der Mindestanforderungen bedeutet dies, dass in den geologischen 3D‑Modellen oder auch thematischen Karten zwar die stratigraphische Einheit mit einer endlagerrelevanten Gesteinsabfolge ausgewiesen ist, die Abfolge selbst jedoch auf Basis der bestehenden Daten nicht im Detail abgegrenzt werden kann. Dies führt zu einer Überschätzung der Mächtigkeit und Ausdehnung der endlagergeeigneten Gesteinsschichten.